Paradoxe Reaktionen und langfristige Nebenwirkungen

 

Es ist jetzt eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Beruhigungs- und Schlafmittel, die zur Gruppe der Benzodiazepine gehören, schon nach kurzer Zeit des Einnehmens Abhängigkeit hervorrufen können, auch wenn sogenannte therapeutische (vom Arzt verordnete) Dosen eingenommen werden (1, 2, 3, 4.). Diese Erkenntnis ist aber relativ neu. Noch Ende der 70er Jahre war der Begriff der sogenannten Kleindosisabhängigkeit umstritten und eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet, Dr. David Greenblatt, äusserte sich folgendermassen bei einer von ROCHE angeordneten Round-Table-Konferenz:

"I have never seen a Case of diazepam dependence ...it is unusual enough to be a medical curiosity worthy of a medical case report or of being picked up by the press."(5) Diese kategorische und zugleich sehr unwissende Behauptung fällte also ein leitender Experte im Jahre 1976. Heute liegt eine massive medizinische Dokumentation vor, die überzeugend belegt, dass Abhängigkeit eine gewöhnliche und beinahe erwartete Komplikation beim Einnehmen von Benzodiazepinen ist.

Auch weiterhin herrscht Uneinigkeit unter Experten betreffend psychischer Nebenwirkungen, die bei verordneter Abhängigkeit und dem mehrjährigen Anwenden von Benzodiazepinen entstehen können. Gewisse Ärzte und Forscher behaupten immer noch dass die einzigen negativen Effekte bei chronischer Benzodiazepinanwendung gerade Abhängigkeit und eventuell Entzugserscheinungen beim Aussetzen der Präparate sind.(6) Andere sehen einen deutlichen Zusammenhang zwischen ausgesprochenem Mangel an psychischer Gesundheit bei denjenigen die Benzodiazepine schon lange Zeit einnehmen (7, 8). Die Nebenwirkungen die am häufigsten gemeldet worden sind chronische Depression (9, 10) Phobien (11), Persönlichkeitsveränderungen (12).

Abhängigkeit kann auch dazu führen, dass Patienten sozial gesehen absinken, indem sie die Arbeit verlieren und auch Frührentner werden (13, 14). Die gesammelte medizinische Literatur gibt den Beleg für eine ganze Reihe negativer Zeichen bei langjähriger Anwendung. Trotzdem leiden viele PatientInnen jahrelang und manchmal Jahrzehnte an Benzoabhängigkeit ohne das die zuständige Gesundheitsbehörde interveniert und kritisch die Voraussetzungen für eine Verschreibung feststellt.

Weitere ernsthafte Komplikationen beim Anwenden von Beruhigungsmitteln sind die sogenannten "paradoxen" Reaktionen (15., 16). Deren Vorkomst wird in gewissen europäischen Arzeimittelverzeichnissen mit weniger als ein Promille angegeben. Exakte Zahlen darüber sind nicht bekannt. Malcolm Lader an der Psychiatrischen Fakultät in London nimmt an, dass die Frekvens dieser Nebenwirkungen runt 5 % schon bei kurz andauerndem Einnehmen dieser Mittel liegt (17). Die "paradoxen" Reaktionen sind Depression (18), mit oder ohne Selbstmord-versuchen (19), phobische Zustände (23, 24, 25), Aggressivität (21, 22) und manchmal Symptome, die fehlerhaft als Psychose diagnostiziert werden (26, 27). In den USA sehen sich die Hersteller dazu gezwungen über Nebenwirkungen Bericht zu erstatten und erwähnen z.B. dass Depression vorkommen kann. In mehreren europäischen Ländern aber erwähnen die Arzeneimittelhersteller dies überhaupt nicht, obwohl Depression als Langzeiteffekt in der medizinischen Literatur sehr bekannt ist (7, 8, 9, 10, 13, 28.). Da diese Reaktionen oft als Zeichen für schlechtere Gesundheit gedeutet werden, bleiben Patienten in ihrer Abhängigkeit stecken gerade weil sie diese ernsthaften Nebenwirkungen aufwiesen. Das Symtombild mit dem Einnehmen von Benzodiazepinen in Verbindung zu setzen ist tragischerweise nicht selbstverständlich - weder für den Patienten noch für den verschreibenden Arzt. Es ist wirklich an der Zeit, dass die WHO und die nationalen Kontrollbehörden fordern, eine korrekte und vollständige Berichterstattung von ROCHE und übrigen Benzodiazepinproduzenten zu erhalten.

(Übersetzung: Karin Pütger, Schweden)

 

Literaturverzeichnis:

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20. Cohen SI. Alcohol and Benzodiazepines Generate Anxiety,
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