Mein Partner starb im April 1988 bei einem Unfall. Ich war damals 40 Jahre alt und mein gesamtes Leben veränderte sich über Nacht. Wir hatte gerade beschlossen zu heiraten. Ich arbeitete als Schwester in einer Augenklinik und mit mir lebte mein 17-jähriger Sohn. Nach etwa 10 Monaten war das Leid Teil meines Lebens. Als Hilfe bekam ich dann das Hypnotikum "Traxilen".
Meine Tochter bereitete
ihre Hochzeit vor und ich begann, wieder etwas Freude in meinem Leben zu empfinden.
Doch dann verstarb ihr Verlobter auf unbeschreiblich grausame Weise. Und wieder
begann sich alles in Chaos zu wandeln. Ich schlief nicht mehr gut, dachte
nur über das nach, was passiert war und ging zu einem Arzt. Ich bekam Oxazepam
verschrieben, welches nach einiger Zeit durch ein neueres Mittel ersetzt wurde:
Ativan*) "Nehmen sie es nach Bedarf, es hat keine gefährlichen Nebenwirkungen",
wurde mir gesagt.
*) Ativan: in Deutschland als Tavor® erhältlich
(= Lorazepam)
Jahre vergingen. Dann verunglückte mein Ex-Ehemann, Vater meiner Kinder, bei einem Autounfall tödlich. Ich war emotional und physisch in sehr schlechter Verfassung, aber ich schwor, die tägliche Dosis von 3 mg Ativan niemals zu erhöhen (was ich auch nie getan habe). Es war die halbe Menge der nach dem schwedischen Handbuch für Pharmazie empfohlenen Dosis, denn ich fürchtete mich vor einer Tabletten-Abhängigkeit. Ich fand es gar nicht gut, meine Probleme mit Pillen zu bewältigen, aber mir wurde nie eine andere Möglichkeit genannt. Meine Erinnerungen an die nachfolgende Zeit ist verschwommen. Ich entwickelte diverse körperliche und seelische Symptome, z.B. Schmerzen im Körper. Mein Leben war eingeschränkt.
Es begann eine Irrfahrt durch die Medizin. Ich bekam noch mehr Medikamente, Schmerzmittel, Herzmittel usw. Von zwölf verschiedenen Internisten wurde ich behandelt, ging zu den unterschiedlichsten Kursen für Entspannung, Gestaltungstherapie, Körpertherapie; ich sprach mit einem Priester, aber es wurde immer schlechter.
Meine Persönlichkeit veränderte sich. Ich konnte mich nicht konzentrieren, hatte Schwierigkeiten zu Lesen und Texte zu verstehen - ich lebte wie im Traum. Ich weinte sehr häufig, aber die Tränen brachten keine Erleichterung. Ich hatte unkontrollierte Wutausbrüche und begann mich zu isolieren. Gedanken an den Tod waren allgegenwärtig, ebenso wie Kraftlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Der letzte Psychiater, bei dem ich war, sagte: "du musst dich als eingeschränkte Persönlichkeit akzeptieren"; das genau waren seine Worte.
Irgendwie war irgendwas absolut falsch, so als ob es für mich noch einen Geheimcode zu knacken gäbe. Diesen Code fand ich während einer Radiosendung, in der Dr. Stefan Borg vom Sankt Görans Krankenhaus in Stockholm interviewt wurde. Er sprach von Benzodiazepinen, Ativan und von diversen Nebenwirkungen.
Das war die Lösung! Plötzlich verstand ich. Ich krank von meiner Medizin. Es gab Hoffnung. Weil ich eine derart kleine Dosis genommen hatte, hatte ich es für ungefährlich gehalten. Das war dumm. Ich warf sofort alle Tabletten fort. Nach nur 10 Stunden hatte schwerste Auswirkungen im gesamten Körper und fürchtete zu sterben.
Jemand riet mir, die Hilfe des örtlichen ambulanten psychiatrischen Dienstes zu suchen. Der junge Arzt dort fragte mich: "wie viel Medikamente lässt du auf deiner Arbeitsstelle mitgehen..?" Er fragte das wörtlich. (ich war auf einer Wachstation tätig, auf der es kein Ativan gab).
Das war sehr beleidigend, ich empfand es vernichtend und hatte den Wunsch zu sterben. Aber ich wurde auch wütend. Sehr wütend sogar und in der Wut bekam ich ich Kraft. Ich drohte, die ganze Psychiatrie-Ambulanz in Stücke zu sprengen und begann mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Das wurde die schwierigste Sache, die ich je in meinem Leben tat. Es dauerte 6 Monate bis ich von diesen 3 mg Ativan frei war. Zeitweise war es die Hölle. Nach 3 Monaten hatte ich in meiner Stadt ein Benzo-Abhängigen-Netzwerk entdeckt, wo ich Verständnis und Wissen erhalten und teilen konnte. Gleichzeitig besuchte ich eine Wiedergeburtsgruppe und das bestärkte meine Sinne. Mit dieser Technik konnte ich verarbeiten, was ich durchgemacht hatte. Ich lernte, mich und meine Gefühle zu verstehen und zu respektieren und fühlte meine Kraft und meine Reserven.
Jetzt sind es schon 7 Jahre, seit ich die letzte Pille nahm. Oft fühle ich mich besser als je zuvor in meinem Leben. Und wenn mir einmal nicht so gut zumute ist, fühle ich mich immer noch sicher und kann es akzeptieren; ich versuche, mir Gutes zu tun. Ich habe gelernt, dass Sorgen und Schmerzen zum Leben gehören und ich weiß nun, dass ich Möglichkeiten habe damit umzugehen, in einer zunehmend befriedigenden Weise. Es bereichert mich und macht mich weiser.
Ein Problem bei Ärzten ist, dass sie auf Lebenskrisen ihrer Patientinnen mit einer medizinischen Diagnose und mit Verschreibungen reagieren. Diese Substanzen behindern die natürliche Heilung und erzeugen seelische und körperliche Probleme. Ein Teufelskreis beginnt.
Die medizinische Versorgung beruht auf männlichen Prinzipien und Werten. Weibliche Vorstellungen und Wege werden nicht verstanden. Als Frau im mittleren Alter habe ich mich oft tief gedemütigt gefühlt. "Frauen in deinem Alter, mit deinen Problemen, sollte man in den Wald schicken", sagte einmal ein Arzt zu mir. Ich fühlte mich zurückgewiesen, nicht beachtet, als lästiges Ärgernis, hoffnungslos und sprachlos. Aber ich fand auch Verständnis und Einfühlungsvermögen, doch sogar dann hatte ich das Gefühl, nicht ebenwertig zu sein.
Heute nun möchte ich eine Veränderung bewirken. Ich möchte die Bedürfnisse und Probleme der Frauen aufzeigen. Unsere medizinische Versorgung braucht konstruktiven Widerstand. Ich möchte Menschen helfen, ihre innere Kraft zu finden, ihre eigenen Reserven zu sehen, so dass sie Freude am Leben haben und die Kreativitäten erblühen. Ich gebe heute Unterricht und Kurse zur Bewältigung unterschiedlicher Abhängigkeitsprobleme und jeder Tag ist ein Abenteuer.
Das Leben ist phantastisch!
(Übersetzung: Gerhard Thies, Team Solution)